Wie findest du diesen Fakt?
Kleiner Mann, großes Ego: Kaum eine historische Figur ist so sehr mit ihrer Körpergröße verbunden wie Napoleon Bonaparte. Es gibt sogar einen nach ihm benannten „Napoleon-Komplex“. Das Problem: Napoleon war gar nicht klein.
Der Rechenfehler mit dem Zoll
Auf Napoleons Totenschein notierte sein Arzt eine Größe von „5 pieds, 2 pouces, 4 lignes“, also 5 Fuß, 2 Zoll und 4 Linien. Wer das in englischen Maßen liest, stellt sich einen ziemlich kleinen Mann vor. Nur: Der alte französische Zoll war deutlich länger als der englische.
Rechnet man korrekt um, kommt man laut Britannica und History.com auf etwa 1,67 bis 1,70 Meter. Damit war Napoleon für einen Mann seiner Zeit ziemlich durchschnittlich groß. Sein großer Gegenspieler, der Herzog von Wellington, maß rund 1,73 Meter, war also nur ein paar Zentimeter größer. Über ihn hat sich niemand lustig gemacht.
Propaganda mit dem Zeichenstift
Den Rest erledigten britische Karikaturisten. Großbritannien lag jahrelang im Krieg mit Napoleon, und Spott war eine Waffe. Vor allem James Gillray zeichnete ihn immer wieder als winzigen Wicht. Britannica nennt etwa eine Karikatur, die ihn als Gulliver gegenüber dem englischen König Georg III. zeigt, angelehnt an „Gullivers Reisen“.
Solche Bilder verbreiteten sich, die Witze wurden weitererzählt, und irgendwann galt der kleine Napoleon als historische Tatsache.
Der „kleine Korporal“
Dazu kam ein Spitzname, der sich missverstehen lässt: „le petit caporal“, der kleine Korporal. Laut Britannica gaben ihm den aber seine eigenen Soldaten, und er war liebevoll gemeint, nicht als Spott über seine Größe.
Der Begriff „Napoleon-Komplex“ beschreibt die Idee, dass kleine Männer ihre Größe mit besonders dominantem Verhalten ausgleichen. Ausgerechnet der Namensgeber taugt dafür kaum als Beispiel.
Napoleon hat also Schlachten verloren, ein Kaiserreich verloren und am Ende auch den Kampf um sein eigenes Image. Gegen ein paar Zeichner mit spitzer Feder.